Neuer Fonds will 9-Euro-Ticket verlängern: Wer einzahlt, bekommt alle Strafen fürs Fahren ohne Fahrschein erstattet

Wochenlang galt das 9-Euro-Ticket als eine gelungene Erleichterung für Pendler und ÖPNV-Vielfahrer. Obwohl es hoch gelobt wurde, ist es seit Ende August ausgelaufen. Aktivisten wollen es nun „nachbauen“ – zum Preis von 9 Euro pro Monat versprechen sie, alle Strafen fürs Fahren ohne Fahrschein zu übernehmen. Ich habe mit Leo Maurer von der Initiative gesprochen.

Leo Maurer, diese Woche ist der 9-Euro-Fonds gestartet. Wie funktioniert der Fonds genau und was ist das Ziel des Fonds? 

Der Fonds ist eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets, in den Mitglieder für neun Euro pro Monat einzahlen können. Sie haben damit eine Art Versicherung, dass im Fall einer Kontrolle der Fonds das “erhöhte Beförderungsentgelt” bezahlt. Das Ziel ist, eine klimagerechte, soziale Mobilität für alle zu schaffen und dafür haben wir diesen 9-Euro-Fonds gegründet. 

Die finanzielle Strafe wird also bezahlt. Gibt es darüber hinaus noch andere Konsequenzen für die Reisenden? 

Die Verkehrsbetriebe sind gezwungen, hier und da Konsequenzen einzuleiten. Wir haben uns aber rechtlich beraten lassen und tun quasi genau das auch mit unseren Mitgliedern: Wir informieren über unsere FAQs auf der Website und gehen auch per E-Mail in den Kontakt mit den Mitgliedern, damit alle sich bewusst sind, welche Risiken sie im Notfall tragen müssten. 

Was wären das für Risiken? 

Das variiert sehr stark. Es ist uns aber auch wichtig, den Fokus nicht darauf zu legen. Unser Ziel ist, ein 9-Euro-Ticket als permanent günstige Lösung für alle Menschen in Deutschland zu bekommen. Es ist fast schon ein Skandal, dass es dafür überhaupt irgendwelche rechtlichen Konsequenzen gibt. 

Wie ist die Idee für den Fonds entstanden?

Wir haben als kleine Gruppe gesehen, wie erfolgreich das 9-Euro-Ticket für zig Millionen Menschen war und wir waren gleichzeitig darüber empört, dass es die Ampel nicht geschafft hat, dafür eine permanente Lösungen zu finden. 

Gleichzeitig gibt es auch schon ähnliche Ideen, zum Beispiel aus Schweden. Dort gibt es seit über zehn Jahren so einen Fonds, der genauso funktioniert. Das haben wir als tolle Chance gesehen, den Fonds auch in Deutschland umzusetzen und haben das innerhalb von vier Wochen auf die Beine gestellt. Wir hoffen, damit auch ein Zeichen zu setzen, dass die Regierung in der Lage sein sollte, ein bereits vorhandenes Ticket fortzuführen. 

Welche Zielgruppe soll der Fonds ansprechen? 

Grundsätzlich ist das Ziel, dass alle möglichst günstig mobil sein können. 

Bisher ist es so, dass viele Steuergelder in kaum klimafreundliche und soziale Mobilität gesteckt werden. Deswegen haben wir ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, dass Menschen, die sich sonst keinen teures Ticket leisten können, jetzt profitieren können, gerade auch im Hinblick auf den Inflations-Winter. 

Aber wenn es tatsächlich ein günstiges Ticket für alle gibt, dann profitieren auch alle. 

Das Fahren ohne Fahrschein wird von einigen Verkehrsbetrieben auch strafrechtlich verfolgt, Reisenden drohen also Anzeigen und Verfahren. Stiftet der Fonds nicht Leute zum Fahren ohne Fahrschein an? 

Wir rufen niemanden dazu auf, ohne gültigen Fahrschein zu fahren. Wir ermöglichen Menschen, die sonst nicht mobil sein könnten, mit einem günstigen Ticket fahren zu können. 

Wenn ich nur 9 Euro pro Monat bezahle, darf ich rechnerisch nur alle sechs, sieben Monate erwischt werden, damit der Fonds kostendeckend arbeiten kann. Wie groß ist die Gefahr, dass der Fonds bald pleite ist? 

Wir haben das natürlich alles vorher durch kalkuliert und berufen uns da einfach auf das Solidaritätsprinzip: Wir haben neben den Mitgliedern auch einige Spenden erhalten. 

Dadurch entsteht ein recht großer Topf und durch den mehrere erhöhte Beförderungsentgelte geteilt werden können. Wir gehen auch nicht davon aus, dass jeder und jede jeden Tag mehrmals kontrolliert wird.

Was passiert, wenn ich zehnmal in einer Woche ohne Fahrkarte erwischt werde? Zahlt ihr dann immer noch alle erhöhten Entgelte? 

Das würden wir genauso tun. 

Wie viele Menschen haben euer Angebot bereits angenommen und investieren in den 9-Euro-Fonds? 

Ich sag mal so: Die Summe auf dem Konto ist seit dem Start gestern bereits im fünfstelligen Bereich. 

Christian Lindner schrieb gestern, Verkehrsminister Volker Wissing könne “mit einem Bruchteil der Finanzmittel des 9-Euro-Tickets ein bundesweit nutzbares digital buchbar das Ticket” realisieren. Ist damit euer Angebot schon überflüssig? 

Ist ja nett, dass jetzt, wo gestern unser Twitter Account explodiert ist und das Ziel 9-Euro-Ticket nochmal hoch kocht, Christian Lindner sich doch noch zu Wort meldet. 

Das ist aber nur eine weitere Strategie des Debatte-Verschleppens, so wie es die letzten drei Monate getan wurde und man kann davon ausgehen, dass Christian Lindner kein 9-Euro-Ticket auf die Straße bringen wird, von dem wirklich alle profitieren. 

Bundesweit nutzbar, digital buchbar, innovativ – was Christian Lindner vorschwebt, würde euer Fonds durchaus erfüllen. Hat er sich schon bei euch gemeldet? 

Nee, hat er leider noch nicht, aber auch er darf ein Mitglied im Fonds werden! 

Gab es von Verkehrsverbänden schon Reaktionen? 

Bislang noch nicht. Die Verkehrsverbünde haben sich deutschlandweit mit den letzten Wochen und Monaten mehrfach an die Regierung gewendet und auch eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets gefordert. 

Deswegen würde wir jetzt eher davon ausgehen, dass der Kampf, den wir hier führen und das Ziel, das wir erreichen wollen, tatsächlich im Sinne der Verkehrsverbünde ist.

Beim 9-Euro-Ticket gab es am Anfang Unsicherheiten, wann es gilt und wann nicht. In welchen Fällen bezahlt der Fonds die Gelder? 

Bei uns gilt das 9-Euro-Ticket in Tram, Bus und Bahn, also S- und U-Bahn. In den Regio-Zügen können wir es leider nicht gewährleisten, weil da das Aufkommen und die Kosten höher sind. Der Fonds ist eine Übergangslösung, die Menschen mobil halten und klarmachen soll, wie viele Menschen das wollen, das fordern und dass es dringend Handlungsbedarf gibt. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: 9eurofonds.de

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